Mein erstes Zimmer in Lutherstadt Wittenberg

By galerien

Es war die erste Zeit meines Engagements am Elbe-Elster-Theater in Lutherstadt Wittenberg. Alles war neu, noch nichts war mit meinem Komödiantenleben erfüllt. Was macht man, wenn man eine ausgeflippte Type ist, jedoch keinen Menschen kennt, mit dem Mann die Stadt umkrempeln kann ? Voller jugendlicher Energien stolpere ich von einem unbekannten Platz zum anderen und versuche mir die Umgebung einzuprägen.

Eine Wohnung hatte ich auch nicht. Bei Frau Piep, so nenne ich die Dame, weil die Hauptmieterin einen ornithologischen Sondernamen bei ihrer Hochzeit abfasste, erhielt ich ein Minizimmer. Tür auf und dahinter links ein Ofen. An der linken Wand ein altes Holzbett. So ein Exemplar sah ich noch nie. Setzt man sich drauf, verschwindet man augenblicklich in der Tiefe. So mancher wird im Bett schon abgetaucht sein. Vielleicht
gibt’s sogar welche, die als verschollen gemeldet sind, seitdem die in diesem Bett verschwanden. Die Koje ist verdammt kurz. Pass ich da überhaupt rein ? Das wird sich abends herausstellen.

Geradezu ein Fenster. Geblümelte Übergardinen. Ich starre die Dinger an, als ob ich den Versuch wagen würde, sie wenigstens mit meinem Blick bleichen zu können. Nichts geschieht, die bleiben so. Auf dem Fensterbrett zwei Pflanzen in prächtiger Blüte. Danach riecht auch das Zimmer. Rechts ein klappriger Schrank von irgendwelchen Verstorbenen.
Daneben eine undefinierbare Schubladengarnitur, auf der eine große weiße Schüssel steht, in der sich eine mit Wasser gefüllte Keramikkanne räkelt. Die Kanne hat, wie sollte es anders sein, Blumenmuster.

„So, Herr … wie war ihr Name gleich ?“
„Raedel. Dieter Raedel.“
„Füllen Sie das Anmeldeformular aus, damit ich es noch heute wegbringen kann.“
„Was treibt Sie denn von Berlin nach Wittenberg ?“
„Bin am Theater engagiert worden. Puppenspiel und Pantomime.“
„Theaterleute haben nicht den besten Ruf. Sind Sie verheiratet ?“
„Nein, bin ledig. Welchen Beruf haben Sie denn ? Ich frage, um den Ruf Ihrer Sparte einschätzen zu können ?“
„Lassen wir mal das Thema. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Was mir und meinem Mann wichtig erscheint, dass Sie einige grundsätzlichen Wünsche unsererseits erfüllen. Zwar haben wir nur ein Zimmer zu vermieden, dennoch sind wir eine kleine Pension, die auch eine Hausordnung hat.“

„Sagen Sie mir die Punkte, damit ich diese mir einverleiben kann.“
Ich habe hier einen Zettel. Lesen Sie sich diesen durch und unterschreiben Sie links unten.“

1. Die Miete ist stets einen Tag im voraus zu zahlen.
2. Die übergebenen Schlüssel müssen quittiert und am Abreisetag vormittags abgegeben werden.
3. Der Gast verpflichtet sich, keinen ruhestörenden Lärm zu verursachen und sich beim Betreten der Wohnung leise zu verhalten. Die Türen sind leise zu schließen.
4. Die Toilette ist sauber zu verlassen.
5. Radiomusik darf nur leise gehört werden, damit die vermietende Familie nicht gestört wird.
6. Besuch darf keiner in unserer Wohnung empfangen werden.
7. Haustiere dürfen nicht in der Wohnung gehalten werden.
8. Das Rauchen ist im Zimmer nicht gestattet.
9. Alkoholische Getränke dürfen weder im Zimmer gelagert noch getrunken werden.
10. Die Schuhe sind gut vor der Tür abzutreten und beim Betreten der Wohnung an der Tür abzustellen. Hausschlappen werden gestellt. Die Reinigung des Schuhwerks muss außerhalb der Wohnung vorgenommen werden.
11. Die Benutzung des Bades ist in Absprache mit dem Vermieter erlaubt.
12. Die Abreise ist rechtzeitig dem Vermieter anzuzeigen.
Nach dem Lesen griff ich automatisch mit dem rechten Daumen zur linken Pulsader und stellte Arrhythmien fest. Nun wusste ich, wo ich gelandet war. Unterschrift war Pflicht.

„Herr Raedel, wo haben Sie denn Ihren Reisekoffer ?“
„Hab’ keinen. Nur ne Tasche.“

Bald verließ ich die Wohnung und ging ins „Maxim Gorki“. Die Kneipe gefiel mir auf Anhieb. Dort gesellte sich ein Mädchen in Uniform zu mir, eine vom Deutschen Roten Kreuz. Nach Mitternacht strebten wir angesäuselt der Wohnung der Familie Piep zu und schlichen uns ins Bett.
Vormittags gegen 9.30 Uhr wachten wir auf und nun überlegte ich, wie ich das Mädchen unauffällig aus dem Quartier bringen konnte. Ich machte einen Kontrollgang zur Toilette und stellte fest, dass Frau Piep nebenan in der Küche bei geöffneter Tür war. Wir heckten einen Plan aus, wie wir Madame Piep ablenken könnten. Ich nahm meinen Mantel in die rechte Hand und ließ ihn am Boden schleifen, während das Mädchen auf allen Vieren hinter mir zur Tür kroch. Wohnungstür schnell auf und raus. Sogleich ging ich zurück, um in meinem Zimmer das Fenster zu öffnen. Es roch wie in einer Kneipe. Es dauerte nicht lange und Frau Piep klopfte an meine Tür.
„Ja, bitte !“
„Herr Raedel, ich hatte Ihnen doch untersagt, Alkohol im Zimmer zu trinken. Die ganze Wohung riecht nach Bier ! So geht das nicht !“
„Frau Piep, ich habe mich an die Hausordnung gehalten. Im „Maxim Gorki“ hatte ich die Einweihung dieses Zimmers gefeiert.“
„Sie sind also ein Trinker ! Suchen Sie sich bitte sofort eine andere Unterkunft. Künstler werde ich nie wieder in meiner Wohnung dulden.“

Mit der Entscheidung, mir sofort eine andere Bleibe suchen zu müssen, war ich einverstanden. Bevor ich meine eigene kleine Wohnung in der Collegienstraße erhielt, übernachtete ich in einem Wittenberger Hotel, wo gleich nebenan Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür genagelt hatte.

Schlagworte: , , , ,

Eine Antwort schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.